Intrinsischer Antrieb

Im Kern meiner Arbeit steht die bildende Kunst

 

In erster Linie bin ich bildender Künstler. Nicht als Biografie, sondern als Haltung. Das ist mein Ausgangspunkt — und er verändert alles: wie ich einen Raum wahrnehme, wie ich Probleme formuliere, was ich für lösbar halte und was nicht.


Ich begegne einem Ort als Künstler, bevor ich ihn als Kurator oder Berater betrachte. Ich lese eine Architektur, bevor ich sie bespiele. Ich frage, was ein Raum trägt, was er fordert, was er verträgt — und was er nicht verträgt. Diese Wahrnehmung ist keine Methode, die man erlernt. Sie entsteht durch jahrelange eigene künstlerische Praxis: durch das Arbeiten mit Material, durch Scheitern und Weitersuchen, durch die Erfahrung, wie ein Werk entsteht und was es kostet. Das beeinflusst jede Entscheidung, die ich treffe — auch ausserhalb des Ateliers.


Hinter jedem Kunstwerk steht ein Mensch, der an einem Thema forscht. Der sich damit auseinandersetzt, in die Tiefe geht, sucht, scheitert, weitermacht. Diese Arbeit kann Jahre dauern. Als Betrachter kann man davon profitieren — einfach so, ohne dieselbe Zeit investiert zu haben. Man bekommt das Ergebnis dieser Auseinandersetzung geschenkt: einen Blickwinkel, eine Frage, eine Erfahrung, die man alleine nicht gefunden hätte.


Ich habe durch Kunst viel über mich und über das Leben gelernt. Ich bin daran gewachsen, habe mich persönlich weiterentwickelt. Kunst hat mir Dinge zugänglich gemacht, die ich anders nicht hätte denken können. Diese Erfahrung — dass ein Werk etwas in einem verschiebt, still und ohne Ankündigung — ist für mich keine Metapher. Sie ist real.


Und genau das macht es schwer zu akzeptieren, dass so wenige Menschen damit in Berührung kommen. Nicht weil Kunst unverständlich wäre, sondern weil der Zugang fehlt — räumlich, institutionell, kulturell. Das ist eine Verschwendung. Und es ist ein wesentlicher Antrieb meiner Arbeit: Kunst dorthin zu bringen, wo Menschen sind. In Räume, die sie täglich aufsuchen. Unter Bedingungen, die echte Begegnung ermöglichen — ohne Schwelle, ohne Voranmeldung, ohne Vorkenntnisse.


Silas Kreienbühl

 

 

«Strolling with Paint on Canvas» (Symptoms of Life) | Acryl auf Leinwand | 102 x 82 cm | 2025 | Silas Kreienbühl